Diplom-Finanzwirt/in, wirklich?

Gelaende-Finanzamt-MuenchenWer meinen Blog gelegentlich besucht, wird zur Jahresmitte 2011 bemerkt haben, dass sich die Anzahl meiner verfassten Artikel pro Monat massiv verringert hat. Dies lag und liegt vor allem an einer beruflichen Veränderung, die mir vorerst das Schreiben etwas erschwert hat. Nicht zuletzt, aber auch nicht ausschließlich, deswegen, brennt mir dieser Artikel schon länger unter den Nägeln.

Es geht mir darum, Menschen, die sich gerade in der Lage befinden eine Karriere als Beamter in Erwägung zu ziehen, über diesen wohl vorurteilsbehaftetsten (welch‘ Superlativ?!) Beruf in Deutschland zu informieren: Finanzbeamter (in Bayern). Genauer gesagt, geht es um die Ausbildung zum Diplomfinanzwirt (FH) als Beamter im gehobenen Dienst der bayerischen Steuerverwaltung – mein ehemaliger Beruf.

Dieser Artikel stellt selbstverständlich meine subjektive Sicht der Dinge dar. Mir persönlich hätte ein solcher subjektiver, aber ungeschönter, Artikel damals wohl sehr geholfen und daher schreibe ich meine Gedanken einfach auf.
Nun, wo beginnt man eine solche Beschreibung eines Berufsbildes, das in der Öffentlichkeit eigentlich kaum bekannt ist und sogar vom Freistaat Bayern selbst nicht wirklich an die potentiellen zukünftigen Auszubildenden herangetragen wird?

Ich entscheide mich für eine allgemeine Umschreibung der Rahmenbedingungen. Doch zunächst muss ich noch eines von vielen, vielen Vorurteilen widerlegen: den dickbäuchige Finanzbeamter in beigen Cordhosen, oliv-grünem Strickpullover, Brille und Halbglatze ist (beinahe) ausgestorben; dazu aber später mehr.

Der Beruf als Finanzbeamter im gehobenen Dienst bzw. mittlerweile der sogenannten „3.Qualifizierungsebene“ beinhaltet zunächst eine 3-jährige Ausbildung inklusive dualem Studium des Finanzwesen (mit Bezahlung; circa 950 EUR im Monat erhält der Student), worauf eine Probezeit und (im Regelfall) danach die Übernahme als Beamter auf Lebenszeit folgt.

Da ich mich bis Mitte des Jahres in der Ausbildungsphase befand und freiwillig ausstieg, möchte ich diese Phase etwas umschreiben und euch eine Orientierungshilfe bieten, wenn ihr diesen Berufsweg ernsthaft einschlagen wollt. Auch wenn ich persönlich „nur“ die Ausbildungsphase miterlebt habe, habe ich durch den Wechsel zwischen Studium und Praxis einen durchaus realistischen Blick auf die gesamte Tätigkeit erhalten.

Das Studium

Der Ablauf

Haupteingang-FHVR-Fin-BayernDas Studium selbst findet für Finanzbeamten im gehobenen Dienst (gD) in Bayern an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Bayern in Herrsching am Ammersee (FHVR) statt.

Die praktische Ausbildung, welche die Studienabschnitte unterteilt, findet meist an den möglichst heimatnahen Finanzämtern der Anwärter statt, sofern diese Ämter Kapazitäten haben. Doch hier sei gleich auf eines hingewiesen: der größte Teil der Finanzanwärter wird spätestens nach dem Studienabschluss im Raum München eingesetzt – egal ob gewollt oder nicht.

Die Rahmenbedingungen

Die FHVR Herrsching bietet grundsätzlich gute Studienrahmenbedingungen. Aufgrund der kurzen Anfahrt aus München, wie in meinem Fall (unter 30min), bzw. der Unterbringung der Studenten überhalb/nahe den Lehrsälen sorgt für kurze Wege und möglichst langes Ausschlafen. Natürlich spart sich der Beamtennachwuchs so während der Studienphasen auch Miete für eine Wohnung.

Leider ist die enge Unterbringung mit den Mitstudenten, fern ab von der Heimat, eher kontraproduktiv, wenn es um das Lernen geht; ich konnte zum Glück in meinen vier Wänden und in Ruhe lernen. Aus Berichten meiner ehemaligen Kollegen weiß ich aber zu berichten, dass man sich schon ein wirklich ruhiges Plätzchen suchen muss, um lernen zu können; und glaubt mir, Lernen wird für viele massiv nötig sein!

Leider hat der Finanzbeamte, wie der Beamte allgemein, keine wirkliche Lobby. So sind finanzielle Mittel und Investitionen nicht in dem Maße vorhanden wie es angebracht wäre. Dies hat zur Folge, dass in manchen Studienabschnitten Studenten ausgelagert untergebracht wurden. D.h. Pensionen in und um Herrsching untergebracht und profitieren so eher nicht vom „Campusleben“.

In meiner Studienzeit kam es auch soweit, dass ganze Lehrsäle (meiner inklusive) entweder an die FHVR Kaufbeuren oder den Fachbereich Rechtspflege in Starnberg ausgelagert wurden. Das bedeutet, man wird vom einen auf den anderen Studienabschnitt einfach in eine andere Stadt „umgesiedelt“. Derzeit wird Herrsching zwar das „Zimmerangebot“ ausgebaut, was im Übrigen ein „herrliches“ [lautes] Lernklima fördert, aber eventuell die Unterbringungslage etwas entspannt.

Der „Campus“ bietet u.a. viele Waldlaufstrecken, kurze Strecken zum See, eine Sauna (2,- EUR pro Saunagang), Internet-Café, eine Cafeteria und einen Kraftraum. Die Sauna, das muss man sagen, wird jedem Anwärter in Erinnerung bleiben – einfach genial.

Die Unterbringung – ein Realitätscheck

Zweimannzimmer-FHVRLeider sind all die Vorzüge in der Realität tatsächlich mit Vorsicht zu genießen. Z.B. ist das Internetcafé bzw. der Zugang zum Netzwerk aufgrund der „kleinen“ Leitung und vielen Nutzer meist heillos überfordert. Ist im Kraftraum ein Gerät defekt, dauert es i.d.R. Monate, manchmal mehrere Semester, bis etwas repariert wird; kürzlich wurden allerdings neue Geräte angeschafft.

Die kostenlose Unterbringung wird leider mit einer verpflichtenden Teilnahme an der Gemeinschaftsverpflegung gekoppelt, welche mit ca. 120 EUR 150 bis 200 EUR im Monat zu Buche schlägt – kostenlos ist hier also nicht wirklich richtig. Die Ernährung in der Kantine sorgt in Herrsching seit Anwärtergenerationen (ungelogen!) für Tumulte, Beschwerden und Probleme. Ich selber habe einmal dort gegessen und es dann für immer sein lassen; Studenten, die in der Unterkunft wohnen, bekommen – ob sie wollen oder nicht – den vollen Verpflegungssatz in Rechnung gestellt!

Das Essen ist meist qualitativ sehr weit unten anzusiedeln (falls jemand Erfahrung damit hat: wesentlich schlechter als beispielsweise eine normale Uni-Mensa oder Bundeswehrkantinen), voller Geschmacksverstärker und meist eine Mischung aus Tiefkühl- oder „Päckchenware“.

Man hört nicht selten, dass Studenten nach einem Semester in Herrsching diverse Allergien und Lebensmittelunverträglichkeiten entwickeln – das kann ich aber nicht belegen, nur so weitererzählen.

Diese Verpflegung hat natürlich zur Folge, dass man mehr oder minder freiwillig einige zusätzliche Euro in die Cafeteria investiert und abends selbstverständlich selbst kocht (hierfür gibt es Gemeinschaftsküchen).

Die Zimmer selbst sind ehemalige Großraumstuben (laut meinem ehem. Ausbildungsleiter), die leider kostengünstig mit „Rigips“-Wänden zu Zweimannzimmern umgebaut wurden. Man hört also gerne mal lautere Gespräche, Musik oder Gelächter von nebenan mit; ich kann das nur aus Erzählungen schildern, da ich Heimschläfer war (und das empfehle ich wirklich jedem, der die Möglichkeit hat!).

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Ich bin Max und betreibe meine Webseite m47ch.com seit 2006 in dieser Form. Ob Umbauten am Auto, Webdesign und nerdiges Zeug oder Politik und Umweltschutz. Ich kann mich für so gut wie jedes Thema begeistern und darin aufgehen. Die meisten Ideen kommen mir entweder bei Arbeiten an Projekten, beim Sport oder auf der Autobahn.

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