Seit nunmehr zwei Jahren können Bundesbürger, Dank der Änderungen des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG) im Jahr 2009, Auskunfteien wie die berühmt-berüchtigte Schufa auffordern ihren aktuellen Stand an zur Person gespeicherten Daten, Empfängern oder die Kategorien von Empfängern, an die Daten weitergegeben werden, und den Zweck der Speicherung preiszugeben.
Der Anspruch auf Auskunft leitet sich aus dem § 34 BDSG ab. Eine Aufforderung an die Schufa erfolgt über einen einfachen Vordruck, den man per Post an die Schufa schickt; dazu muss noch eine Ausweis-Kopie beiliegen.
Ich rate in meinem Bekanntenkreis schon lange dazu die jährliche (kostenfreie) Möglichkeit der “Datenübersicht nach § 34 Bundesdatenschutzgesetz” zu nutzen. Nicht selten sieht man in TV und Zeitung Fälle von Datenverwechselungen, die z.B. “Häuslebauern” die Kreditfinanzierung ihres Traums unmöglich machten. Auffälligkeiten entdeckt man selbst frühzeitig am besten.
Nun, gerade seitdem die Debatte um die Novellierung des BDSG stark abgekühlt ist, wollte ich das Thema noch einmal, etwas amüsiert über meine letzte persönliche Datenübersicht, aufgreifen.
Als mir meine Übersicht heute in die Briefkasten flog und ich das Ergebnis überflog, waren meine Gefühle gemischt. Zum einen ist mir mein “Score” (also die Zahl, mit der die Schufa meinen und ihren Geschäftspartnern vorhersagen will, ob ich meine Rechnungen bezahle) derzeit herzlich egal, da ich weder eine Eigentumswohnung, noch ein Haus oder ein Auto in nächster Zeit finanzieren will.
Zum anderen bin ich Mathematik-Freund. Soll heißen: mir ist bewusst, dass in der Stochastik und Statistik nicht das Individuum, sondern die Datenmasse ausschlaggebend ist. Der Score meint also nicht mich persönlich; kann er auch nicht, denn niemand von der Schufa hat je ein Wort mit mir gewechselt.
In Deutschland gilt zwar allgemein “über Geld redet man nicht”, aber an dieser Stelle ist mir das einerseits relativ egal und andererseits geht es ja um den Score und nicht mein Geld an sich. Um meiner Argumentation folgen zu können, offenbare ich hier kurz “meinen wirtschaftlichen Hintergrund”, wenn man so mag:
- Ich habe seit der Jugend ein Girokonto bei der Sparkasse, sogar ein Sparbuch
- Ich habe außerdem eine Kreditkarte
- Ich habe eine Kranken- und eine Haftpflichtverischerung
- Ich besitze einen Mobilfunkvertrag
- Ich wohne in einem “normalen” Stadtviertel zur Miete (sofern in München irgendetwas “normal” ist?)
- Ich beziehe ein regelmäßiges Einkommen und habe noch nie in meinem Leben eine Rechnung (und davon habe ich einige bekommen) nicht sofort bezahlt
- Ich bin seit meiner Jugend im Internethandel aktiv (sowohl als privater Verkäufer auf eBay, als auch hauptsächlich Käufer in diversen Versandhandeln)
- Kurzum: ich bin einfach normal und komme meinen Verpflichtungen offensichtlich nach
Mein aktueller Score bei der Schufa ist 92,34%. In “Schufa-Deutsch” heißt das laut beiliegendem Schreiben: “zufriedenstellendes bis erhöhtes Risiko”. Auch wenn dort “zufriedenstellend” steht, bleibt bei mir nur “erhöhtes Risiko” hängen. Um es in andere Worte zu fassen: obwohl ich noch nie ein Konto überzogen, einen Vertrag gebrochen oder eine Rechnung nicht bezahlt habe, sagt die Schufa für mich (oder mathematisch gesprochen “für Menschen wie mich”) voraus, dass ich 7,66% (also beinahe jede Zehnte) meiner Rechnungen nicht bezahlen werde.
Das mag im ersten Moment ein Schock sein, wenn man nicht wüsste, dass dieser Score ja nicht mich persönlich, sondern eben “Menschen meiner Art”; betrifft. Also (stark vereinfacht) junge Männer in meiner (schönen) Wohngegend, die ähnlich lange bei einer Bank Kunde sind. Mathematisch sicherlich einwandfrei. Und trotzdem bleibt ein fader Beigeschmack, denn ich bin eben aus meiner leicht Ich-bezogenen Sicht nicht “einer von vielen”, sondern ich bin ich.
Und genau hier liegt das Problem im System der Auskunfteien. Mich tangiert es derzeit nicht, aber der Tag wird kommen an dem mir ein Zins für eine Eigentumswohnung, ein Haus oder eben ein Auto errechnet werden soll und ein solcher Score zwischen Erfüllung eines Traums oder dem Scheitern entscheiden kann.
Versetze ich mich in dieses Szenario, stört es mich trotz aller Liebe zur Mathematik plötzlich, dass irgendjemand oder irgendetwas meinen Geschäftspartnern sagt, ich würde bspw. jede fünfte Rechnung (mein Score für “Handel” liegt nämlich bei etwas über 80%) nicht bezahlen.
Ich hatte bisher niemals Probleme mit Versandhandel, Katalogbestellungen, Käufen auf Rechnung, Kontoeröffnung oder Vertragsabschluss. Bis jetzt hat sich keiner meiner Geschäftspartner beschwert. Vielleicht sollte die Schufa noch einmal nachdenken. Kann ein Berechnungsmodell wirklich vollends durchdacht sein, in dem ein regelmäßig bezahlter Arbeitnehmer, der in einer angenehmen (national betrachtet teureren) Gegend lebt und noch nie negativ als Wirtschaftssubjekt aufgefallen ist, als ein “erhöhtes Risiko” bezeichnet wird?
Der Zweifel kommt mir vor allem darum, weil mein Score vor etwas mehr als zwölf Monaten noch 96,82% war. Seitdem bin ich ein Jahr älter geworden und habe einen neuen Stromversorger, ich habe ein paar Euro mehr verdient und beziehe jetzt neben meinem DSL noch IPTV (das steht tatsächlich auch in der Schufa-Übersicht). Tja, seit der letzten Übersicht bin ich außerdem in der Deutschen Knochenmarkspenderdatei und regelmäßiger Blut- und potentieller Organspender (das steht da natürlich nicht) geworden. Ansonsten ist alles mehr oder weniger beim alten. Neu formuliert: was habe ich in den Augen der Schufa falsch gemacht?
Abschließend bleibt mir nur zu sagen, dass ich eigentlich nicht enttäuscht oder wütend, sondern mehr verwundert und amüsiert bin. Ich habe Verständnis für mathematische Modelle und Schwankungen (4% Abweichung beim “Basisscore” zum Vorjahr sind m.E. vertretbar). Sollten aber nicht gerade Auskunfteien an der Transparenz und Qualität ihrer Daten interessiert sein? Wieso ist ein unauffälliges Wirtschaftssubjekt wie ich bereits ein “erhöhtes Risiko”? Für mich bleibt die Berechnung trotz aller Informationen des Internetportals der Schufa undurchsichtig – für die Auskunfteien hoffe ich, dass zumindest deren Kunden das Modell durchschauen können.
Anmerkung: Mir ist im Übrigen bewusst, dass diverse Informationen schon rein rechtlich bei der Schufa nicht verwertet werden können; dazu gehören z.B. mein Arbeitslohn und andere Einkünfte. Mein Bezug auf diese Daten sollte vor allem dazu dienen zu veranschaulichen, dass ich in meinen Augen keinen Grund zum Zweifel an meiner Zahlungserfüllung gebe.
Und eine Stimme aus dem Off diktiert mir:
Liebe Schufa,
Ich bin Dein Kapital. Mit mir machst Du Deine Kohle. Ich gebe Dir an dieser Stelle für Dein Modell 1A-Daten: ich habe noch nie etwas nicht bezahlt, ich kaufe nichts “auf Pump”, meine Kreditkarte nutze ich lediglich für Bahntickets (weil die Bahn keine andere Zahlungsweise im Internet akzeptiert) und ich überziehe nie mein Konto. Du kannst mich also gerne “hochscoren” und als Premiumkapital vermarkten. Du kannst diese Auskunft dann nicht nur auf einem Modell aufbauen, sondern auf knallharte Fakten. Du darfst mich auch gerne persönlich fragen.
AFAIK sind Wohngegend und Einkommensdaten keine Parameter beim SCHUFA-Scoring. Allerdings kann ich voll und ganz nachvollziehen, wenn sein eigenes Scoring übersetzt mit solchen negativen Ausdrücken vorfindet.
Ja, Einkommen und Beschäftigung dürften schon rein rechtlich nicht einfließen. Woher sollte die Schufa das auch wissen?
Bei der Wohngegend munkelt man hingegen schon, dass die Schufa diese Erkenntnis einbezieht. Auf diversen "eRecht"-Portalen liest man Vermutungen inwiefern Wohngegend und dergleichen in den Score hineinspielen könnten.
Wobei ich das bei meinem Beispiel außer Acht lassen würde, da sich meine Wohngegend seit dem vergangenen Jahr nicht geändert hat.